Lilly & Pauline schauen fern. (Teil 4)


Dieses weiße Etwas stand wackelig auf seinen Pfoten und gähnte erst mal genüsslich. Nach dem Streckvorgang schnüffelte es vorsichtig am Korb, um dann mit erhobenen Hauptes und schnellen tapsigen Schritten an meinen Fressnapf zu eilen. Ich konnte es nicht glauben, was ich da sah. Innerhalb weniger Sekunden war der Teller leer. “Die kaut ja noch nicht mal“ sagte ich zu mir. Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da lag dieses kleine Fressmonster schon auf meiner Decke. Mir wurde schwindlig. Der Raum drehte sich um mich. Ich hatte das Gefühl von der Treppe zu stürzen. “Das muss ein Traum sein, ein fürchterlicher Traum“ schnurrte ich, “ich wache bestimmt gleich auf.“
Meine beiden Menschen standen die ganze Zeit um das Fell herum. Ihre seltsamen Laute, wie “süüsss“, “killekillekille“ und andere wirre Sätze konnte ich nicht recht erklären. Aber ich vermutete, dass dies nichts Gutes bedeutete - für mich. Ich ging eine Treppenstufe weiter nach unten. Jetzt bemerkte mich mein Kloreiniger. “Hey Pauline, schau mal wer da ist!“ Er zeigte mit beiden offen ausgestreckten Händen auf den Eindringling. “Das ist Lilly, deine neue Mitbewohnerin und Spielgefährtin.“ “Toll“ miaute ich voller gespielter Begeisterung, “wozu soll das gut sein?“. Ich beobachtete weiter. Lilly genoss es sichtlich, von allen Seiten bewundert zu werden. Sie räkelte sich auf der Decke und schnappte nach allem, was man ihr vor ihre graue Nase hielt. Das musste ich mir genauer anschauen und ging die ganze Treppe runter. Ich näherte mich dem Treiben auf wenige Zentimeter, hielt inne und setze mich auf meine vier Buchstaben. Um meiner Empörung ein wenig mehr Nachdruck zu geben, ließ ich meinen Schwanz hin und her wedeln. In kurzen Abständen klopfte ich mit ihm hart auf den Steinboden des Wohnzimmers. Keiner beachtete mich.
Mein Kloreiniger hielt meine Lieblings-Spielfeder über den Kopf der anderen Katze. Sie lag auf dem Rücken und ihre kleinen Pfoten zuckten unkontrolliert in die Höhe, um das Spielzeug zu erhaschen. In diesem Moment verlor sie das Gleichgewicht und kippte auf die Seite und blieb erschrocken liegen. Wir beide starrten uns tief in die Augen. Ihre blauen Augen trafen meine. Ihr weißes Fell mit den leichten grauen Fleckchen an der Stirn und die vielen Barthaare, liessen sie in diesem Moment wie einen gleissenden Sonnenstrahl erscheinen. Ein Sonnenkind. Ein Wunder der Natur. Wir schauten uns immer noch in die Augen. Es müssen Sekunden gewesen sein. Auf einmal öffnete sie ihr kleines Maul und ein langgezogenes Miau kam aus ihr raus. “Und schwätzen tut die auch noch“ murmelte ich und wachte aus meinem Tagtraum auf. Beinahe, aber nur beinahe wäre ich von diesem Anblick überrumpelt worden. Ich rutschte ein wenig näher zu ihr. “Einer von uns beiden ist hier zu viel“ sagte ich zu Lilly, “und ich bin es nicht.“

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