Besuchszeit
Wie so fast jeden Tag, lag ich mal wieder ganz entspannt auf meinem Lieblingsplatz und genoss den frühen Nachmittag. Obwohl so ganz entspannen konnte ich nicht. Meine beiden menschlichen Mitbewohner machten mit Tellern und Tassen einen nicht akzeptablen Lärm. Mir war unklar, wozu sie diesen Aufwand machten. Immerhin lag meine Mahlzeit noch nicht so lange zurück. Also ich hatte keine Hunger. Da Lilly nicht in der Nähe war, galt somit auch ihr nicht diese Aktivität. Ich beschloss mich zu beschweren.
Mit einem Satz erhob ich mich aus meiner Liegeposition, drückte meinen Rücken nach oben und lockerte meine Muskulatur und wollte gerade loslegen. Auf einmal klingelte es. An dieser Stelle sei angemerkt, ich bin nicht so ängstlich, wie ich manchmal aussehe. Ich ziehe es aber trotzdem vor, mich im ersten Schritt vorerst aus dem Klingelbereich zu verziehen und das Ganze aus der Distanz zu begutachten. Nicht so Lilly. Als ich den Rückzug anging, spurtete sie mit Elan an mir vorbei und verschwand im Flur. Ich blieb in Deckung und hörte, wie sich die Tür öffnete. Es dauerte nur wenige Sekunden, als Lilly um die Ecke rannte. Mit weit aufgerissenen, blutleeren Augen und sträubenden Fell donnerte Sie an mir vorbei und schleuderte sich zur Treppe. Ich hörte sie noch nicht einmal hecheln. Mit kratzendem Geräusch erreichte sie den Aufgang und verschwand im oberen Stockwerk. Etwas Grausames musste sie im Flur gesehen haben.
Ich blieb trotzdem sitzen und bog meinen Hals in Richtung Flur. In diesem Moment sah ich eine riesige Pfote vor mir. Kaum hatte ich diesen Anblick verdaut, schob sich der Kopf des Besuchers vor meine beiden Augenpaare. Ein Hund! Hier in meinem Heiligtum! Ich war in Schockstarre. Ich stierte auf seine lange rosa Zunge, die hechelnd aus dem Maul hing. Ich rettete mich mit einem beherzten Sprung in die hinterste Ecke. Der Hund schaute mir nach, japste kurz auf und folgte mir in die Ecke. Was für ein Glück, er war angeleint. "Nein, Nelly... sitz!" sagte eine Frauenstimme. Der Hund gehorchte und setzte sich. Ich konnte nur den Kopf über dieses devote Verhalten schütteln. "Ist halt ein Hund" dachte ich mir und erhob mich aus meiner Eckposition. Mit der Erkenntnis, dass von diesem Objekt nun keine Gefahr mehr ausgehen konnte, lief mit empor gestrecktem Schwanz an der Wand entlang. Der Blick des Eindringlings spürte ich im Nacken. Ich tat so, als würde ich mich für "sie" nicht interessieren und schaute in die Luft. Nelly nutze das aus und sprang in meine Richtung. "Hee, dir ist was befohlen worden." miaute ich und sprang einen Meter weiter. Mit einem Ruck an ihrer Leine blieb Nelly stehen und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. "Sehr aufdringliches Fell," dachte ich für mich, "aber auch interessant." und beschloss, diesen Besucher näher zu studieren. Mit einem gekonnten Haken sprang ich auf meinen Katzenbaum, um in Sicherheit mit meinen wissenschaftlichen Tätigkeiten zu beginnen. Was ich dabei nicht bedachte, war der die Gesamtsituation meiner Lage. Dieser Hund war ausgestreckt bereits so groß, wie mein Katzenbaum. Nelly bemerkte das recht schnell. Sie stellte sich auf die Hinterfüße und schaute mir in die Augen.
Das war mir dann doch ein wenig zu viel des Guten. Ich liess die Wissenschaft, Wissenschaft sein und verkrümelte mich in den oberen Stock.
Das war das erste Mal, dass ich einen Hund aus der Nähe sah. Und mir zitterten die Knie. Das erzählte ich natürlich Lilly nicht. Sie geht noch heute davon aus, dass ich mit diesem Tier schwer gekämpft hatte.
Aus strategischen Gründen beschloss ich, sie weiterhin in diesem Glauben zu lassen.


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