Lilly & Pauline schauen fern. (Teil 9)
Ich schaute genauer hin. Um den Eimerrand herum war ein roter, dicker, weicher Faden gespannt. Ich kannte diese Art Fäden. Mit ihnen spiele ich ab und zu in der Küche. Allerdings muss man bei den Dingern gehörig aufpassen. Hält man sie zwischen Pfote und Maul, kann man die ewig weit ziehen. Doch irgendwann reissen die auseinander und knallen einem meistens voll auf die Nase. Ziemlich unangenehm.
Und unter diesem Gummiband wurde irgendwas Weißes festgehalten. Wie ein Ballerinnaröckchen hing es von dem Rand des Eimers ab. Ich ging noch näher dran und schnüffelte. Es roch nach nichts. Mit meiner linken Backe streifte ich am Rand entlang. Das noch unbekannte Weiße war ziemlich weich. “Oh du lieber blauer Eimer,“ frohlockte ich, “mein Eimer!“. Ich stellte mich auf meine Hinterpfoten, um einen ersten Blick hinein zu wagen. Dieses Weiße Etwas umspannte den Eimer vollständig. "Oh, schade“ knurrte ich, “da kann man ja gar nicht rein“. Ärgerlich setzte ich mich wieder auf den Werkstattboden. In diesem Moment kam mir die geniale Idee, wenn ich schon nicht in den Eimer kann, dann wenigstens auf ihn. Ich hatte diesen Gedanken noch nicht richtig ausgedacht, da war ich schon in der richtigen Sprungposition, wedelte kurz mit meinem Schwanz und sprang. Ich saß auf dem Eimer.
Es müssen Sekundenbruchteile gewesen sein, als sich mein “Siehst-du-ich-habe-es-geschafft“-Blick, die entsetzen, weit aufgerissenen Augenpaare meines Kloreiniger trafen. Das Letzte was ich noch bemerkte, war, dass das Gummiband um den Eimer wegflog. Im gleichen Augenblick gab das weiße Etwas nach. Ich war im Eimer. Unglücklicherweise befand sich in darin Tapetenkleister. Mit meiner rechten Vorderpfote tauchte ich tief in diese gallertartige Masse ein. Bis ich begriff, was mit mir da gerade geschah, berührte ich auch schon mit meiner linken Pfote die Oberfläche. Auch meine Brust war schon einige Zentimeter mit diesem zähen Zeug in Berührung gekommen. Ich musste hier raus. Wie ich das in dieser ungeschickten Position schaffte, weiss ich heute auch nicht mehr. Auf jeden Fall stand ich kurz nach diesem kleinen Zwischenfall wieder neben dem Eimer. Triefend tropfte der Kleister an mir herunter. Mir pochte das Herz. Mein Kloreiniger stürzte sich auf mich. Warum er dabei so komische Verrenkungen machte, ist mir bis heute schleierhaft. Auf jeden Fall beschloss ich, ihm aus dem Weg zu gehen und den Rückzug anzutreten. Durch die offene Werkstatttür erreichte ich mühelos die ebenfalls noch offen stehende Terrassentür. Mein Kloreiniger rannte mir wild gestikulierend hinterher. Trotz des klebrigen Zeugs an mir, war ich recht schnell. Ich rannte durch das Wohnzimmer in Richtung Küche. Dort machte ich einen gekonnten Haken um meinen menschlichen Verfolger abzuschütteln und rannte wieder in das Wohnzimmer zurück. Ich hatte Spuren hinterlassen. Überall auf dem Boden sah man dicke Kleisterbollen mit meinen Pfotenabdrücken. Ich rutsche auf diesen regelrecht in Richtung Treppe und rannte mit eiligen Schritten nach oben. Nun bemerkte auch meine Dosenöffnerin was geschehen war. “Fang sie ein“ rief sie aufgeregt zum Kloreiniger. Er hechelte die Treppe hoch und drängte mich in eine Ecke. Langsam kam er auf mich zu. Ich musste mich erstmal hinsetzen und schaute an mir herunter. Der Kleister klebte in meinem Fell. In diesem Moment packte mich mein Kloreiniger am Nacken und zog mich zu ihm hoch. “Oje, Pauline! Wie sollen wir das denn wieder wegbekommen?“ sagte er aufgeregt zu mir und lief mit mir die Treppe wieder herunter ins Wohnzimmer. Was für ein Schlachtfeld umgab uns da. Meine Dosenöffnerin kniete bereits auf dem Boden und wischte ihn auf. Überall klebte und tropfte es von diesem Kleister. “Tolle Leistung“ dachte ich für mich. Im gleichen Augenblick befand ich mich schon im Badezimmer. Mein Kloreiniger hielt mich über das Waschbecken und öffnete den Wasserhahn. Da ich nicht durstig war, verstand ich im ersten Moment nicht so ganz, was das sollte. Erst als er meine Pfote unter den Wasserstrahl hielt, war es mir klar. “Hä, bist du irre?“ miaute ich und schaute ihn mit großen Augen an. Er liess nicht ab. Ich konnte mich drehen und wenden, wie ich wollte - mit festem Griff musste ich diese Prozedur über mich ergehen lassen. Er reinigte meine komplette rechte und linke Vorderpfote. Das Wasser tropfte nur so von meinen Zehen. Dann begann er meinen Brustkorb auch mit Wasser und Bürste zu bearbeiten. “Bäh, widerliches Zeug. Jetzt ist aber Schluss“ protestierte ich. Es half alles nichts.
Pitschnass setzte er mich dann auf ein Handtuch und begann mich abzureiben. Das war nicht unangenehm aber vollkommen überflüssig. Ich miaute ihn laut an und entriss mich ihm. Beleidigt lief ich an meiner Dosenöffnerin vorbei, die immer noch mit den Bodenarbeiten beschäftigt war, suchte mir einen ruhigen Platz und leckte mich erstmal trocken.
Das Debakel hatte für mich zu keinen Problemen geführt, ausser das mein Herz noch eine ganze Weile raste und ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Wasser auf meinem Fell in Berührung gekommen war.

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